Lichter Ausgrenzung Beton Obdachlose

„Slowing“ Stadt

„Slowing“ Stadt

Eine Stadterkundungstour von Svenia Sauer und Hanna Nordqvist

 

Die Tour beginnt in den Prinzessinnengärten – einem typisch untypischen Berliner Grünbereich, der mit ganz einfachen Mitteln (Pflanzen in Holzkisten, einem Containercafé und viel wildem Grün) eine besondere Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen vermag. Geht man hinaus, ist man mittendrin in der Stadt der Kontraste und ihren (meist unsichtbaren) sozialen und räumlichen Grenzziehungen. Ein Kreisverkehr kanalisiert den Verkehr und trennt die Wohnsiedlung vom Künstlermaterialladen, vom Motel One, vom Coworking-space. Geht man die Straße runter folgt auf den türkischen Bäcker ein aus der Zeit gefallener Bioladen und der große Platz wird von Obdachlosen und Narkomanen genauso gequert wie von Touristen und den internationalen Kreativ-Arbeiter*innen auf dem Weg in die Mittagspause.

 

Den beiden Organisatorinnen geht es bei ihrer Stadtwanderung darum: „Berlin besser kennenzulernen. Aber nicht durch ein Abhaken von Ort zu Ort, sondern eher durch ein verlangsamtes Auseinandernehmen – ein bewusstes Erforschen der unterschiedlichen Ebenen, von dem, was wir in unserer Umgebung erleben und wahrnehmen.“

 

Die Stadtbewusstseinsübungen sollen die Wahrnehmung der Umgebung erhöhen. Sie wollen dazu anleiten nach innen zu horchen und herauszufinden, wie sich die Orte anfühlen und was man beim funktionalen Stadtdurchqueren alles ausblendet. Zum Beispiel, in dem man die Schuhe auszieht und den Boden ertastet oder die Augen schließt und nur hört. In der Gruppe kommen noch weitere Aspekte hinzu: Man wird dafür sensibilisiert, wie man sich gemeinsam bewegt, wie es ist aus der gemeinsamen Bewegung auszuscheren, sich an den Rand zu stellen, zum Zuschauer zu werden. Aber auch: Wie fühlt es sich an mit geschlossenen Augen auf einem Platz zu stehen, während die anderen um einen herumgehen?

 

Vorläufer dieser Art der Stadterkundung finden sich vor allem in den 70er Jahren – als mit den Situationisten das dèrive, das Driften, „erfunden“ wurde. Laut Guy Debord lässt „sich das Umherschweifen als eine Technik des hastigen Passierens verschiedenartiger Stimmungsfelder definieren. Eine oder mehrere Personen, die sich dem Umherschweifen hingeben, verzichten für einen mehr oder minder langen Zeitraum auf die Motive für ihre Fortbewegung und ihr Handeln, um sich ganz den Verlockungen des Terrains und den ihm entsprechenden Begegnungen hinzugeben.“[1]

 

Svenia Sauers und Hanna Nordqvists Interesse an der Wahrnehmung und Bewegung in der Stadt haben sie aus ihrer Körperarbeit heraus entwickelt, in der es darum geht, den Klienten ein selbstbewussteres Gefühl für den eigenen Körper zu geben. Unser tägliches Verhalten ist stark durch praktische Automatismen bestimmt, die gewährleisten, dass wir funktionieren und gut durchkommen. Ohne diese Reizfiltermechanismen würden wir vermutlich überflutet werden. Denn: „Es ist laut, es stinkt, es blinkt und brüllt, es ist voll von Menschen und Maschinen, die sich schnell in alle Richtungen um uns herum bewegen und nicht selten aggressiv wirken. Wir müssen die ganze Zeit aufpassen, um die richtigen Bewegungen zur richtigen Zeit zu machen – um im Fluss mit dem Rest zu sein. Und dann gibt es dazu auch noch schöne Ablenkungen – wie bunte Plakate, Straßenmusikanten, angenehme Essensgerüche, ein Hund, der auf einem Skateboard vorbeifährt...“

 

Der Preis, den wir für unseren funktionalen Stadt-Umgang zahlen, ist, dass wir die Wahrnehmung für unsere Um-Welt und unsere Empfindungen einschränken. Die Übungen sollen uns für diese Mechanismen sensibilisieren. Letztlich sind es zwei Fragen, die bei den Stadtbewusstseinsübungen im Vordergrund stehen: Wie beeinflussen uns sinnliche Eindrücke in der Stadt? Und: Wie beeinflusst unsere innere Haltung und Zustand unseren Blick auf die Welt?

Viel Spaß beim Ausprobieren!


[1] Guy Debord: Potlatch, zit.n. Frauke Boggasch und Dominik Sittig (Hg.): Elend: Zur Frage der Relevanz von Pop in Kunst, Leben und öffentlichen Badeanstalten, Nürnberg 2006, S. 158

Anna-Lena Wenzel, Fotos: Hanna Nordqvist
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