Betrachtungen

Betrachtungen

Paradies der Milben
Ayumi Rahn
In der Coronakrise hat meine Nachbarin angefangen, zu Hause Sport zu machen. So kam es, dass ich jeden Abend buchstäblich dachte, die Welt bräche über mir zusammen bzw. die Zimmerdecke.

Die Welt draußen war jedoch recht schnell still geworden, und leergefegt, außer einer kleinen Schar Angehöriger verschiedener Paketlieferdienste, die tagsüber die leeren Straßen belebten und die zu Hause Gestrandeten mit frischen Päckchen und Paketen versorgten. 
Ein Amazon Zusteller Pärchen hatte gerade den Wagen unten vor meiner Haustür geparkt und küsste sich innig. Ich beobachtete das erstaunt. Der weiße Lieferwagen hatte mitten auf der Straße gehalten, und niemand war ausgestiegen. Warum ich exakt zur selben Zeit auf den Balkon trat? Ich hatte die Fahrt meines Paketes online verfolgt. Ich hatte zum ersten Mal bemerkt, dass das überhaupt möglich war. Ich hatte wohl vorher nie die Gelegenheit dazu gehabt, das herauszufinden, oder die Funktion war neu. 

Sie saßen schon einige Minuten unten im Wagen und küssten sich immer wieder und redeten. Als ein vorbeifahrendes Auto hupte, drehte sich der Junge unvermittelt zum offenen Fenster und brüllte hinaus: du Hurensohn. Das Wort verhallte unerwidert in der menschenleeren Straße. Das andere Auto parkte wenige Meter entfernt und zwei Männer stiegen aus. Sie wirkten, ich sage mal, neugierig. Das trifft es wohl am ehesten. Da brauste der Amazonwagen auch schon davon. 

Interessiert verfolgte ich online, wie er einmal um den Block fuhr. Die beiden Männer unten freuten sich sichtlich über die Wirkung, die ihr Auftreten auf den Hurensohnrufer gehabt hatte. Dann zuckten sie mit den Schultern, verschwanden in einem Wohnhaus und zeigten sich gleich wieder rauchend im dritten Stock auf dem Balkon. Währenddessen pausierte der Lieferwagen noch an einer Straßenecke einen Block weiter, setzte sich dann nach einigen Minuten wieder in Bewegung, um endlich am anderen Ende, weit hinten, wieder in meine Straße einzubiegen.
Da hielt der Wagen nun wieder, am gleichen Fleck. Die beiden Männer beobachteten das amüsiert vom Balkon. Ich beobachtete die Männer, wie sie amüsiert beobachteten und beobachtete auch das Amazonpärchen, aber das bemerkte weder mich noch die beiden Männer, und die beiden Männer bemerkten mich auch nicht. 
Das Mädchen stieg aus und begann mit einem Paket unter dem Arm die Klingelschilder abzusuchen. Offenbar vergeblich, sie ging von einer Haustür zur nächsten. Auf meinem Balkon drückte ich die Daumen, dass das Paket nicht für einen der Männer bestimmt sei, das wäre sicher unangenehm.

Aber sie legte das Paket unverrichteter Dinge wieder in den Wagen und stieg ein. Sie küssten sich wieder für einige Momente, dann trat er recht abrupt wieder aufs Gas. Wieder verfolgte ich den Wagen, der wieder einige Nebenstraßen weiter zu stehen kam. Wieder stand der Wagen einige Minuten still, bis er sich wieder in Bewegung setzte, um schließlich wieder weit hinten in meine Straße einzubiegen. 
Die Männer auf dem Balkon waren inzwischen in ein Gespräch vertieft und hatten das Interesse an den beiden verloren. Und ich ehrlich gesagt auch. Sie saßen wieder unten im Wagen vor meiner Haustür und küssten sich. Ich wartete nur auf mein Paket. 
Und dann auf einmal klingelte es.

Und ich mache das eigentlich nie, aber nachdem ich nun schon so lange an dem Tag dieser Fremden teilgenommen hatte, hatte ich das Bedürfnis ihm (dem Hurensohnrufer) auf seinem Weg zu meiner Wohnung im Treppenhaus einige Treppen entgegen zu kommen. Und seinem Gesicht, das in dem Moment unwesentlich freudig erstaunt darüber wirkte, dass ich ihm entgegengekommen war, und das gerade eben noch geküsst worden war, was ich ja wusste, was er aber nicht wusste, dass ich es weiß, diesem Gesicht sah ich wie eine interessierte Beobachterin in die Augen.

Berlin, 2020
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