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Das andere Dorf

Ausgabe: Dörfer

Das andere Dorf

Ein alternatives Wohnprojekt entsteht
Text: Hannes Obens / Fotos: Lena Grass

 

Eine schöne alte Kirche und ein paar ansehnliche Gebäude gibt es in der Nachbarschaft. Ansonsten aber eher Tristesse im Breitwand-Format. Nicht mal Berlins dreistester Immobilienmakler dürfte auf die Idee kommen, diesen Ort als Idyll in der Großstadt zu labeln. Denn dieses Dorf besteht nicht aus schmuckem Fachwerk, sondern aus solider Ostplatte, mitten im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Eigentlich ist dieses Dorf auch nur ein großes Gebäude.

 

Der puristische Bau unterstreicht den arg spröden Charme dieses Viertels. Ausgerechnet hier, an diesem Ort, der auf den ersten Blick so gar nicht zum Träumen einlädt – und dazu immer noch als Hochburg der Rechten gilt – soll eine Keimzelle alternativer Lebensentwürfe und Utopien entstehen.


50 Menschen wollen hier im Sommer nächsten Jahres einziehen und ein alternatives Wohnprojekt[i] auf unbekanntem Terrain gründen, um sich ihren Wunsch nach einer gemeinschaftlichen Form des Zusammenlebens zu erfüllen. Eine etwas andere Form des Zusammenlebens stellte sich die Vormieterin dieses Gebäudes vor, die Stasi. So hat dieses Haus, obwohl nur ein paar Jahrzehnte alt, so viele spannende Geschichten zu erzählen, dass der Klatsch und Tratsch in jedem Dorfkrug dagegen öde wirkt. Auch das neue Mieterkollektiv interessiert sich für das Leben der Anderen, im Unterschied zur Vormieterin aber nur im gegenseitigen Einvernehmen. Wie das Leben unter einem gemeinsamen Dach einmal aussehen soll, ist aber noch offen und angesichts unterschiedlichster Vorstellungen auch einigermaßen konfliktträchtig.


Als Ex-Dorf-Punkerin kennt Sonja sich mit Anfeindungen aus


An einem schönen Spätsommertag treffe ich Sonja, eine der Pionier_innen, Anfang 30 und seit ihrer Jugend politisch aktiv. Als Punk aus einem echten Dorf in der niedersächsischen Provinz stammend, weiß sie wie es sich anfühlt anders zu sein, auf Anfeindungen zu stoßen.

Auch als WG-Veteranin reizt Sonja noch das Zusammenleben mit Menschen unterschiedlichen Alters und Einkommens.


Bei dem Haus in Lichtenberg aber geht es Sonja und den anderen nicht nur um Ideale, Träume und Selbstverwirklichung. Ganz praktisch soll das Projekt dauerhaft bezahlbaren Wohnraum gewährleisten. In einer Stadt wie Berlin, die Menschen mit wenig Geld kaum noch Nischen zum Leben lässt, eine existenzielle Sache. Dazu kommt, dass in dem selbstverwalteten Haus keine Schikanen durch Vermieter zu befürchten sind. Sonjas Ziel ist, mit Gleichgesinnten eine langfristige Wohnperspektive zu entwickeln, in der auch für Kinder Platz ist. Das Wohnprojekt versteht sich zwar als Kollektiv, dennoch werden die sieben Etagen in einzelne Wohnungen und Wohngemeinschaften aufgeteilt, die sich selbstständig organisieren, mal mehr, mal weniger gemeinschaftlich leben. Sonja begreift das Wohnprojekt zwar als alternativ und antifaschistisch, im Unterschied zu anderen sieht sie darin dennoch weniger ein Politprojekt als ihre langfristige Bleibe. Hier will sie in einer Wohngemeinschaft mit ihrem Freund, Wahlverwandten und anderen Pärchen gemeinsam leben. Einige, oft, aber auch nicht immer nur die Jüngeren, wollen hier vielleicht eher ein paar Jahre verbringen, sich mit der Nachbarschaft austauschen und möglichst noch den Stadtteil mit seiner rechten Szene verändern. Andere – meist die Immer-noch-aber-nicht-mehr-ganz-so-Jungen wie Sonja – wollen hier bleiben, eventuell Familien gründen.


Durch diese unterschiedlichen Lebensentwürfe sind Auseinandersetzungen vorprogrammiert. Überzeugungen und Idealismus schützen nicht vor grundsätzlichen, manchmal banal wirkenden Problemen und leider auch nicht vorm Älterwerden.


"Schöner-Leben"- vs. "Politprojekt"-Fraktion: Flügelkämpfe ums Haus

 

Illustrieren lassen sich die Konflikte, die quer durch das siebenstöckige Haus laufen, am Beispiel der Trittschalldämmung. Was sich so harmlos anhört, hat angesichts des knappen Finanzierungsrahmens enorme Sprengkraft entwickelt. Von der Vollversammlung aller Mieter_innen, die über die wichtigsten Fragen rund ums Haus entscheidet, wird einer Mietpreisobergrenze[i] hohe Priorität beigemessen. So können sich möglichst viele das Projekt leisten. Auf der anderen Seite fehlt aber das Geld für bauliche Veränderungen: je niedriger die Miete, desto weniger Geld fürs Bauen. Denn obwohl das Hausprojekt-Kollektiv einen Teil der geplanten Kosten als Direktkredite von Freunden aufgetrieben hat, ist der Großteil von Banken geliehen, denen die Miete als Sicherheit dient. Je mehr Sicherheiten die Banken haben, desto mehr Kredite gewähren sie für Umbauten. Das zwingt zur Prioritätensetzung: Von den sieben verschiedenen Gruppen, eine pro Etage, plädieren einige dafür, die Trittschalldämmung nur in abgespeckter Form umzusetzen, weil sie den Bedarf nach einer umfassenden Schallisolierung nicht sehen und die Ausgaben niedrig halten wollen. Wenn möglich, möchten viele von ihnen ohnehin lieber in gemeinsame öffentlich nutzbare Räume für politische Veranstaltungen investieren. Während andere, dazu gehört Sonja, bauliche Mindeststandards, eben auch die Trittschalldämmung, für unabdingbar halten. Ihrer Meinung nach entscheidet die Wohnqualität über die langfristige Perspektive. Daher fordern sie die Mietpreisobergrenze anzuheben, um dem Haus finanziell Luft zu verschaffen. Sonja weiß aber natürlich auch, dass das andere Probleme schaffen würde, einzelne ausschließen und eine harte Landung eines hoffnungsvollen Projekts in der Tristesse der kapitalistischen Gegenwart bedeuten könnte. So würden sich einige der Familien mit Kindern ohne Gutverdiener die Miete in dem Haus nicht mehr leisten können und müssten aus dem Projekt ausscheiden. Im Streit zwischen der „Schöner-Leben-“ und der „Politprojekt“-Fraktion gibt es nicht Gut und Böse, sondern verschiedene Prioritäten. Dennoch treibt dieser Konflikt mitunter auch seltsame Blüten. So schildert Sonja mit ungläubigem Ausdruck, ohne dabei ihr ansteckendes Lächeln zu verlieren: „Ich musste mich auf unserem Plenum schon als 'Yuppie' beschimpfen lassen. Lustig, wie die Zeiten sich ändern.“


Sonja will aber in dieser Frage kämpfen, die Trittschalldämmung in der hellhörigen Platte ist für sie ein Muss: Nach 1,5 Jahren Planungs- und Vorbereitungszeit ist ihr das Projekt natürlich auch ans Herz gewachsen. Sie hofft auf ein Miteinander von prekär bis gutverdienend und jung bis grauhaarig. Dann schränkt sie aber im Political-Correctness-Sprech eilig ein, dass diese Heterogenität natürlich Grenzen hat – die Mehrzahl der Beteiligten sei „weiß und akademisch“. Sie steht hinter dem Konzept des Hauses: geplant ist ein Mix unterschiedlicher Wohnformen und Raumaufteilungen für kleine und große Wohngemeinschaften – in jeder Etage wird darüber selbstbestimmt entschieden.


Von außen betrachtet, fällt das Nebeneinander von Utopie und nüchternem Pragmatismus ins Auge, der hohe Anspruch ans gemeinschaftliche Leben einerseits und das Bemühen um finanzielle Solidität andererseits. An die Kommune I erinnert in dem Lichtenberger Wohnprojekt nichts. Und genau das gefällt Sonja. Gemeinsam leben bedeutet für sie schließlich nicht, alles jederzeit zu teilen, auch Rückzugsräume brauchen alle. Das Haus ist für Sonja ein „soziales, aber mindestens ebenso ein ökonomisches Kollektiv“ – anders ausgedrückt: Wohnort und Gemeinschaftsprojekt, nicht unbedingt „Kuschelecke“.


Trittschalldämmung tötet Träume


Vier Wochen später, an einem warmen, aber grauen Oktobertag, treffe ich Sonja in ihrer Wohnung wieder. Die Konflikte im Haus haben eine entscheidende Wendung genommen, Sonja hat den Kampf verloren. Das Ergebnis der Vollversammlung vor wenigen Tagen ist, dass es keine Garantie für die vollständige Trittschalldämmung geben wird, weil eine Erhöhung der Bankkredite abgelehnt wurde. Die Mietpreisobergrenze behält hohe Priorität. Sonja hat danach, gemeinsam mit ihrem Freund, ihren Rückzug aus dem Hausprojekt angekündigt – das linke Dorf in der spröden Ostplatte wird ohne sie entstehen. „Eine Niederlage“, räumt sie ernst und ganz klar ein. Sonja aber will weiter nach einem passenden Wohnprojekt suchen, denn an ihrem Wunsch, langfristig und günstig mit selbstgewählten Menschen gemeinsam zu leben, hat sich nichts geändert. Gescheitert ist nur ihr erster Versuch ihn zu verwirklichen.


Vom kommenden Jahr an wird sich langsam zeigen, was von den Plänen und Hoffnungen übrig bleibt und wohin sich das Haus entwickelt. Wird es den bekannten Zyklus von anfänglicher Euphorie und nachfolgender Ernüchterung und Entfernung nehmen? Wie entwickelt sich das Zusammenleben: Wird es ein Miteinander, Nebeneinander oder Gegeneinander der Bewohner_innen geben, vor allem wenn es um die finanziellen und politischen Konflikte geht? Wird sich die „Schöner-Leben“- gegen die „Politprojekt“-Fraktion durchsetzen oder lässt sich irgendwie ein tragfähiger Kompromiss finden? Entsteht hier in Lichtenberg nur ein „etwas anderes“ Haus oder doch eine alternative Exklave?


Lichtenberg – ein neues Ausweichviertel?


Lichtenberg selbst erlebt gerade einen Wandel: galt es bisher als ein etwas verschnarchter, spürbar Ost-Berliner Stadtteil zwischen Zentrum und Peripherie, bekannt als Hochburg der Linkspartei, aber ebenso der Neo-Nazis, sind nun auch hier mehr und mehr Zugezogene auf den Straßen sichtbar. Hier und da eröffnen Cafés mit Kinderspielecken wie in Friedrichshain und andernorts in Berlin, auch weitere Wohnprojekte sind geplant, kürzlich fand sogar eine Hausbesetzung statt. Berlins Mitte rückt näher an Lichtenberg.


Die Nachbarschaft wird also spannend, aber auch herausfordernd sein. Es wird sich zeigen: Entwickelt sich hier ein eher geschlossenes, in seiner Umgebung fremdelndes Szenedorf oder ein lebendiger, hier verankerter Treffpunkt? Und bei all den Erwartungen und Zielen, die mit dem Projekt verbunden sind, darf nicht vergessen werden: leben und in der grauen Platte glücklich werden müssen die Hausbewohner_innen ja auch noch!

 

 

 

 

 



[i] Die Mietpreisobergrenze bezieht sich auf die Etagen. Sie variiert, abhängig von den baulichen Voraussetzungen der Etage und der gewählten Wohnform von 280 bis 400 Euro pro Person.

 



[i]Anmerkung der Redaktion: Der Name des Wohnprojekts wurde anonymisiert und ebenfalls der Name der Interviewpartnerin geändert.


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