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Die große Maskerade

Ausgabe: Fassaden

Die große Maskerade

Vom alltäglichen Karneval im Großstadtleben
Von Hannes Obens / Fotos: Caro Pitzke und Tine Fiedler

 

Nicht nur Bauwerke haben sie. Sondern wir alle: eine Fassade. Sogar mehrere. Wechselnde Masken und Rollen, die ab und an zum Einsatz kommen. Gerade das urbane Leben macht uns zu Fassadenkünstlern und Alltags-Karnevalisten – oft unbemerkt.

Interessant sein will und muss in der Großstadt eigentlich jeder. Andernfalls droht man in der Masse unterzugehen, in der scharfen Konkurrenz der Köpfe nicht zu bestehen.

 

Was ist also zu tun? Man schließt sich ausgewählten Szenen und Gruppen an. Wird Teil eines Kollektivs, trägt seine Codes, bleibt dabei aber natürlich stets verdammt individuell. Wichtig ist, spannend zu erscheinen, sich ständig neu zu erfinden, einen Typ und Lifestyle zu repräsentieren – welchen auch immer. Das zeigt man am besten auf seinem persönlichen Catwalk im Szenebezirk oder in den Sozialen Medien – dem Ort zur Selbstinszenierung. Die Lichter der Großstadt leuchten wahrscheinlich nur so hell wegen der vielen Blender, die sich in ihr tummeln.

 

Aber ist das denn eigentlich alles so schlimm, brauchen wir nicht alle eine Fassade? Es geht heute wohl gar nicht anders. Wer würde schon auf das „Wie geht’s?“ des Chefs oder eines Unbekannten antworten: „Scheiße, ich habe gerade eine fiese Depression“. Die Fassade muss aufrechterhalten werden. Ein Leben ohne sie ist im Kampf um Status, Aufmerksamkeit und Liebe kaum denkbar. Wir haben uns in der Redaktion mal darüber unterhalten, wann wir im Alltag bestimmte Masken tragen und Rollen einnehmen. Das Gespräch geben wir hier in Auszügen wieder.

 

99% URBAN: Wann setzt ihr euch Masken auf?

 

Rachel Green[i]: Eine Frage sollten wir uns grundsätzlich stellen. Wenn man von Masken spricht, geht man davon aus, dass es auch etwas Wahrhaftiges gibt. Aber was ist das denn? Ich könnte ja gar nicht sagen, was der Kern von Person XY ist.


Jimmy McNulty: Das finde ich auch. Weil es bedeutet, dass es eine Unterscheidung gibt zwischen dem authentischen Kern und der falschen, unehrlichen Maske von jemandem.


Meredith Grey: Ich wünsche mir manchmal, dass ich im Alltag die Rollen spielerischer wechseln könnte, etwas was ich im beruflichen Feld tue, wenn ich die professionelle „Fassade“ aufsetze. Dazu gehört eine gewisse Souveränität, wenn ich vor Leuten spreche oder die Verwendung eines Pseudonyms, wenn ich Kunstkritiken schreibe. Wenn ich jedoch länger drüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich durchaus mit meinen verschiedenen Identitäten spiele–- mich je nach Kontext „neu“ erfinde. Das hat auch etwas Spielerisches.


Ihr seht in der Maskierung also eher was Positives?

 

Carrie Mathison: Ich genieße es, manchmal ganz unterschiedliche Rollen einzunehmen. Zum Beispiel ausgedrückt durch meinen Kleidungsstil. Das ist in der Stadt natürlich viel leichter als auf dem Land, weil man mit so vielen verschiedenen Gruppen und Personen Umgang haben kann. Es wird weniger erwartet, dass man sich als Person immer gleich verhält.

 

Meredith: Masken sind aber nicht nur als etwas Spielerisches zu begreifen. Sie können auch ein inneres Bedürfnis, ein unverzichtbarer Teil der eigenen Identität sein. Ein Freund verkleidet sich regelmäßig als Frau und wird dafür oft angefeindet. Viele kommen mit dieser Uneindeutigkeit nicht zurecht. Manchmal wird es auf der Straße für ihn richtig brenzlig, aber dieser Teil gehört zu ihm und muss gelebt werden. Aber zu deiner Frage: Masken können Freiräume schaffen, auch in der Arbeitswelt. Das trifft gerade auf Bereiche zu, in denen man sehr auf die Pflege von Netzwerken angewiesen ist und dadurch in Abhängigkeiten lebt. Es ist wichtig zu wissen, dass ich in der Hand habe, wem ich wie viele Informationen über mich preisgebe. Da wären wir wieder bei der Frage der Authentizität, die es meiner Meinung nach so nicht gibt.

 

Apropos Masken im Job: Wie gebt ihr euch bei der Arbeit?

 

Carrie: Man muss sich natürlich hüten im Job zu viel von sich preiszugeben, um nicht die Seriosität zu verlieren.


Walter White: Ja, gerade im Berufsleben fallen doch oft die aus dem Rahmen, die es nicht schaffen die private und berufliche Ebene zu trennen. Man kann im Job schnell ein paar Dinge zu viel sagen, die sich gegen einen wenden können.


Jimmy: Klar! Vor allem, wenn die persönliche Arbeitsumgebung und private Interessen weit auseinanderklaffen, kann es schnell Probleme geben. Eine Freundin von mir schreibt für eine konservative Zeitung, ist privat aber zugleich in der Antifa. Wenn sie Kollegen bei einer Demo treffen würde, könnte es durchaus Schwierigkeiten geben.


Rachel: Auch Facebook kann einen ja schon in die Bredouille bringen. Wenn Kollegen sich mit dir anfreunden wollen und so einen Einblick in dein Privatleben bekommen. Ich finde das nicht gut. Ich will das trennen und habe daher ein Alias-Profil, aber auch das finden einige.

 

Großstädter als Fassadenkünstler

 

Jimmy: Mein Tipp: Leg dir am besten zwei Profile an. Ein offizielles mit deinem echten Namen für Kollegen und ein inoffizielles. Also eines für die Fassade und eines für dein „wahres Ich“. Allerdings das „wahre Ich“ unter falschem Namen.

 

Die Großstadt mit ihren zufälligen Begegnungen und ihrer Vielzahl unterschiedlicher Lebenswelten, Szenen und Subkulturen wirft uns ständig in wechselnde Situationen und Konstellationen. Sind wir Großstädter Fassadenkünstler, während es auf dem Land authentisch zugeht?

 

Rachel: Ich sehe das genau anders. Ich denke, dass Menschen auf dem Land viel rigoroser ihre Masken aufrecht erhalten müssen, weil die soziale Kontrolle engmaschiger ist. Das ist auch das, was ich am Landleben so beklemmend finde. In der Großstadt kann man viel besser durchschlüpfen. Auf dem Land muss man den Nachbarn und immer gleichen Menschen gegenüber wahrscheinlich viel eher eine heile Welt vorspielen: „Unsere Ehe läuft super, mein Mann hat mich gar nicht geschlagen!“ Die Bühne ist auf dem Dorf eine ganz andere: Du bist dort allein, alle können dich sehen. In der Großstadt sind so viele andere Schauspieler und Statisten auf der Bühne, dass du gut unbemerkt bleiben kannst.


Meredith: Andererseits denke ich, dass die soziale Kontrolle im Dorf eh so umfassend ist, dass es gar kein Sinn mehr macht Theater zu spielen und eine heile Welt vorzugaukeln. Jeder weiß ja ohnehin bestens über den anderen Bescheid.

 

Auf Reisen nach Süddeutschland fang ich sofort an stark zu berlinern

 

Rachel: Gut, das hängt vielleicht von dem Milieu ab. Ich habe so an die Heile-Welt-Mittelschicht gedacht. Ich merke auch genau, wie ich mich verändere, wenn ich aufs Land fahre, zum Beispiel als ich kürzlich in Süddeutschland war. Als Afro-Deutsche falle ich dort besonders auf. Ich habe darauf geachtet zu zeigen, dass ich gebildet bin und mein eigenes Geld verdiene. Ich habe darauf bestanden, im Restaurant oder im Hotel zu bezahlen. Ich hasse es, wenn sie meinem Freund die Rechnung hinlegen. Sie sollen wissen, dass ich bezahle. Ich will das Klischee brechen, das die haben. Aber ich merke dann auch, dass ich ein wenig ein anderer Mensch bin. Ich habe eine Art Maske auf.


Carrie: Ich kenne das auch von Reisen nach Süddeutschland, dass ich dann stärker berlinere. Sicherlich, um mich von „denen“ abzugrenzen, alle sollen wissen, ich komme nicht von hier!

 

Einige von euch haben die Metropolen der Welt kennengelernt. Rachel, du hast zum Beispiel in New York gelebt und gearbeitet. Was hat das mit dir gemacht? Braucht man in der Stadt der Wolkenkratzer und Träume mehr Masken als in Berlin oder sagen wir in Gelsenkirchen?

 

Rachel: Ich weiß nicht, ob ich das so sagen würde. New York ist ungefilterter. Ich finde, man kann in New York auf der Straße oder der U-Bahn sogar offener sein, eher seine Maske fallen lassen als hier. Ich habe öfter kurze, ehrliche, auch emotionale Konversationen mit Unbekannten geführt. Klar, das Arbeitsleben in New York ist wiederum knallhart, da darf man keine Schwächen zeigen. Aber die jungen Amerikaner haben ja auch in der Regel ohnehin ein Selbstbewusstsein, das mich umgehauen hat.

 

Gerade Berlin ist voll mit Künstlern, Intellektuellen und anderen spannenden Menschen oder solchen, die sich dafür halten. Spürt ihr manchmal Druck, interessant sein zu müssen?

 

Rachel: Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Aber, ehrlich gesagt, kenne ich das nicht.

 

Meredith: Darum bin ich auch gar nicht erst bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken. Diese Wettbewerbslogik à la „ich habe die meisten Freunde“ und diesem Drang, aber auch Zwang zur Selbstinszenierung, wie er dort zu beobachten ist, will ich mich nicht aussetzen.

 

Jimmy: Ich würde das nicht als Druck bezeichnen, aber ich kann vielleicht ein Beispiel nennen, das in diese Richtung deutet. Ein Freund von mir ist vor einiger Zeit aus Berlin weggegangen: er hat mir gegenüber mal erwähnt: „Ich musste einfach gehen. Ich hab einfach kein Projekt! In Berlin braucht man ein Projekt!“ Er lebt jetzt in einer unaufgeregten mittelgroßen westdeutschen Stadt.

 


[i] Alle Namen sind frei entlehnt, ihr werdet aber sicher viele kennen. Wer frei sprechen will, braucht eben manchmal eine Fassade.

 

 

 

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