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In die Kleinstadt gezwungen

Ausgabe: Dörfer

In die Kleinstadt gezwungen

Spätaussiedler_innen in Genthin zwischen Integration und Isolation
René Kreichauf / Fotos: René Kreichauf

Genthin. “Perle am Kanal”. Eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohner_innen in Sachsen-Anhalt. Rund 80 km entfernt von Berlin. Genthin ist nicht besonders hübsch und nicht besonders hässlich. Eine kleine Stadt eben. Oder eher wie ein größeres Dorf. Überschaubar. Jeder kennt jeden. Im Stadtkern fast romantisch wirkende Fachwerkhäuser, Kopfsteinpflasterstraßen und antik wirkende Straßenbeleuchtung. Das Kleinstadtinnere wird umzingelt von Mehr- und Einfamilienhäusern. Weit draußen hinter der Bahnlinie – im Stadtteil Genthin-Süd – stehen ein paar graue und bunte Platten. Manche sind runtergekommen, andere stehen leer, ein paar wurden saniert. Frau G. wohnt hier. In der Platte. Im „Russenghetto“. Frau G. ist keine Russin. Sie ist Deutsche. Sie ist Spätaussiedlerin. Sie mag Genthin, obwohl sie sich die Stadt nie als Wohnort ausgesucht hat. Sie musste hier hinziehen, weil es deutsche Vorschriften so wollten und wollen. Das Gesetz wollte auch, dass Frau G. als Spätaussiedlerin drei Jahre in Genthin bleibt. Frau G. ist länger als drei Jahre geblieben. Im Russenghetto. Andere sind längst gegangen – nicht nur Spätaussiedler_innen.

 

Ein Stadtteil im Wandel

 

Genthin ist eine schrumpfende Kleinstadt. Der politische Umbruch 1989/1990 ging mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der Stadt einher. Viele Bewohner_innen verloren ihre Arbeit. Einige davon zogen weg um Arbeit zu finden. Andere zogen weg, weil sie noch Arbeit haben und sich ein Häuschen im Grünen leisten konnten. Frau G. zog nur nach „Klein-Moskau“ – dem Plattenquartier südlich der Innenstadt, südlich der Bahnlinie. Das Quartier muss seit 1990 mit enormem Bewohnerschwund, ein Drittel Leerstand und Abriss umgehen. Zu DDR-Zeiten waren die Leute scharf auf den Stadtteil. Heute gilt es als Symbol sozialen Abstiegs. Zukunft ungewiss. Vor allem zwei Bewohnergruppen prägen das Quartier: die Alteingesessenen, die seit Errichtung des Quartiers dort leben, und die Zugezogenen. Die Neuen sind die, die mehr oder weniger ins Ghetto mussten – entweder aufgrund sozioökonomischer Zwänge oder wegen Diskriminierungspraktiken auf dem Wohnungsmarkt. Die Spätaussiedler_innen gehören zu den sozialschwachen und in den Stadtteil gedrängten Neuen.

 

Die Entstehung des „Russenghettos“

 

Mit der Wiedervereinigung hat Genthin einen großen Zuwachs an Spätaussiedler_innen erfahren. Genthin wollte sie nicht. Die Spätaussiedler_innen wollten Genthin nicht. Aber beide mussten. Eine Zwangshochzeit. Im Ehevertrag: Bestimmungen für die Zugewanderten über die vorgeschriebene Dauer der Ehe und Regelungen für Genthin über die Anzahl der Spätaussiedler_innen, die es heiraten muss und wie sich Genthin um die zahlreichen Ehepartner_innen zu kümmern hat. Vermittelt wurden sie an die städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Diese haben die Spätaussiedler_innen ins Plattenbauquartier „eingewiesen“. Da war Platz. Die Mieten waren günstig. Die Spätaussiedler_innen hatten eh wenig Geld. Konflikte mit Einheimischen sollten vermieden werden: im Rest der Stadt waren sie nicht so ganz erwünscht. Also zogen sie dort hin, wo die Einheimischen nicht mehr wohnen wollten. Und so wurde – wie in Zwangsehen üblich – ein einseitiger Kompromiss ausgehandelt, der zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: Hoher Leerstand im Plattenquartier + große Anzahl an Migrant_innen = Integration à la Genthin x Entstehung des Russenghettos. Frau G. sagt: „Nur im Plattenbauquartier haben wir einen Wohnsitz bekommen. Ich habe mal eine Spätaussiedler-Familie bei der Wohnungssuche begleitet. Die wollten in eine Wohnung von der städtischen Wohnungsgesellschaft außerhalb Genthin-Süds ziehen. Sie sagten uns, hier wohnen nur Deutsche in diesem Haus. Hier kommt kein anderer rein.“ Noch heute wird vielen Spätaussiedler_innen der freie Zugriff auf anderen Wohnraum verwehrt oder sie werden ganz „natürlich“ im Wohngebiet gehalten, weil sie sich andere Wohnungen nicht leisten können.

 

Im Ghetto brennt’s

 

Das Bild eines von Migrant_innen dominierten Stadtteils hat sich in der Wahrnehmung auf den Stadtteil gefestigt: „Das ist dieses Wohngebiet da hinten, Klein-Moskau, und da sitzen die Russen. Das ist der Bereich, wo die Kellerbrände auftreten. Das führt bei den anderen Einwohnern zur Verunsicherung. Sie denken: ,Mensch, das haben wir in ganz Genthin nicht, aber da brennt’s andauernd“, sagt eine Bewohnerin Genthins. Die Kellerbrände, die sich 2010 und 2011 ereignet haben, unterfüttern das Bild eines sozialen Brennpunkts. Zwar sind genaue Ursachen und Täter_innen unbekannt, Frau G. erläutert aber, dass gerade in diesem Zusammenhang eine weitere Verschlechterung der Wahrnehmung Genthin-Süds stattgefunden hat, „nicht von den Leuten, die hier sind, sondern von den Leuten, die nicht drin wohnen, aber auf eine herabsetzende Art und Weise über dieses Quartier sprechen.“ Frau G. fühlt sich besonders unwohl, wenn sie selbst zugibt, dass sie in diesem „Brennpunkt“ lebt: „Einheimische Bekannte grüßen mich zwar in Genthin-Süd, aber wenn ich sie in der Stadt sehe, ignorieren sie mich.“

Vor allem ist Frau G. durch Fremdenfeindlichkeiten, die ihr in Genthin als Spätaussiedlerin und als Bewohnerin des Russenghettos entgegengebracht werden, verunsichert. „Es ist manchmal so, dass aus dem Fenster geschrien wird: ,Sprecht Deutsch!‘, wenn wir auf der Straße sind.“ Sie merkt, dass die Wahrnehmung des Quartiers auch Einfluss auf den Umgang mit den Bewohner_innen hat: „Letztens kamen mir Jugendliche entgegen. Ein junges Mädchen führte ihre Freund_innen in das Plattenquartier und sagte: ,So nun werde ich euch mal ein richtiges Ausländer-Hartz-IV-Ghetto zeigen, so wie in den Doku-Soaps bei RTL. So geht es hier hinten auch ab.’“ Frau G. stört sich nicht nur an dem Vergleich zu einem Ausländer-Hartz-IV-Ghetto aus dem Fernsehen. Sie mag RTL nicht und vor allem findet sie die gängige Praxis Genthin-Süd als „hinten“ einzuordnen unverständlich. Für sie bedeutet das eine Herabwürdigung ihrer Person und ihres Quartiers: „Ich bin doch nicht hinten und die sind nicht vorn!“    

 

Ein Russenghetto ohne Russen

 

Das Quartier wird aufgrund der Konzentration von Spätaussiedler_innen und einkommensschwachen Haushalten, aber auch wegen sozialer Problemlagen und vermeintlicher Kriminalität als ,Sozialer Brennpunkt‘ oder ,Russenghetto‘ bezeichnet. Der Clou ist aber, erstens, dass viele Spätaussiedler_innen sich als Deutsche fühlen und auch von den deutschen Gesetzen als Deutsche erfasst werden. In Genthin werden die Spätaussiedler_innen aber weiter als Russen wahrgenommen, als eine fremde, ungleiche Bevölkerungsgruppe. Die rassistische Benennung des Stadtteils ist brüchig. Zweitens hat die tatsächliche Anzahl der Spätaussiedler_innen stark abgenommen. Rund 450, nicht mal drei Prozent der Stadtbevölkerung, leben noch heute in Genthin. Wo sie tatsächlich leben, kann keiner genau nachweisen. Aber selbst wenn alle im 1.900 Einwohner_innen umfassenden Russenghetto wohnen würden, ergäbe ihr Anteil nicht mal 25 Prozent. Die Bewohner_innen Genthins scheinen in ihren Zuschreibungen aber davon auszugehen, dass die Mehrheit der Bewohner_innen des Stadtteils einen (russischen) Migrationshintergrund hat. Das Problem Genthins sind aber keine Zahlen und Verhältnisse, sondern die konkrete Auseinandersetzung mit „dem Fremden“. Die Andersartigkeit der Spätaussiedler_innen, ihre Sprache und Traditionen irritieren die Genthiner_innen. Die Gruppe gilt nach den Integrationsvorstellungen Genthins als noch nicht „angepasst“. Vater Staat zwang das kleine Genthin in eine Ehe, die es bis heute überfordert – nicht weil Genthin und die Genthiner_innen böse und schlecht sind, sondern weil sie mussten und nicht konnten. Sie wurden – genauso wie ihre Ehepartner_innen – nicht gefragt und nicht in die Planungen zur großen Hochzeitsparty und zum Eheleben eingebunden. Braut und Bräutigam kannten sich nicht, konnten sich nicht beschnuppern, verlieben und lieben.

Frau G. bleibt in Genthin und wohl auch im Russenghetto. Sie hat vielleicht kein schönes Zuhause, wohl aber eine Heimat gefunden. Ihre Tochter ist längst nach Berlin gezogen. Sie bleibt. Sie ist Leiterin eines Nachbarschaftstreffs und engagiert sich für die Belange der Spätaussiedler_innen und der Einheimischen in ihrem Viertel.

 

 

Zum Autor

René Kreichauf ist Stadtforscher. Seine Studienschwerpunkte sind städtische Schrumpfungs- und Transformationsprozesse, soziale Ungleichheit sowie Migration und Stadtentwicklung.

 


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