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... man in Halle-Neustadt

... man in Halle-Neustadt

Text und Fotos: Anna-Lena Wenzel

10.7.2019
Was hier so geht:
Grün, viel Freiraum, keine Sharing-Fahrräder und Tretroller, dafür Trinken in der Öffentlichkeit. Gebrochene Gestalten im Supermarkt, der Eingangsbereich, der nach Chlor riecht, wie übergeputzt. Ein Sozialkaufladen, kein Bioladen weit und breit, leere Straßen, Löcher in den Straßen.
Die Mittelschichtsachse, nackte Skulpturen im öffentlichen Raum.
Die erste Kreativitätsschule Sachsen-Anhalts.
Das große Einkaufszentrum, das den Häusern seinen Rücken zuwendet.
Der Grieche mit Raucherzimmer, der Videoladen mit kläffendem Hund, der große Veranstaltungsraum am letzten Zipfel, in denen feine, selbstgemachte Pelmeni serviert werden.
Dicke Mütter, Väter mit schlechten Zähnen, junge Eltern, die nicht mit ihren Kindern sprechen, denn mit ihnen wurde ja auch nicht gesprochen.

12.7.
Was für Kontraste es vor allem am Südpark hat: Die Platte neben der Kirche, neben dem restaurierten Passendorfer Schlösschen, neben dem Kinderspielplatz, der jetzt neu gemacht wird, neben dem verbarrikadierten Kiosk am Ufer. Ein Stück weiter runter haben die Schwäne ein breites Nest in Ufernähe. Eine Holzbrücke führt in den Park, mit den Tischtennisplatten gefertigt aus Deutschland, ein Stücke weiter die Waldschänke mit der stillgelegten Freiluftkegelbahn. Hier passen zwei Schäferhunde auf und rasseln mit den Ketten, wenn man zu Nahe kommt. Dann kommt man auf die Wiese, hier wird gerne gegrillt. Zum Wasser hin ist ein neuer Fußballplatz entstanden, hier hängen die Jugendlichen ab. Für die kleinen Kinder stehen ein paar vereinzelte Spielgeräte herum. Sie quietschen.

Bei aller Trostlosigkeit: als ich gestern im Park war, wurde die Brücke repariert, die Wiese gemäht und der Betonboden aufgebrochen. Es passiert also was im Viertel, und gleichzeitig frage ich mich, ob das nur damit zu tun hat, dass da jetzt diese Gated Community ist und die anders ihre Interesse durchsetzen können/ einen anderen Draht zu den Entscheidungsträgern haben, als der Rest hier.

13.7.
Weil ich hier grad aus dem Fenster ins Grün schaue, habe ich mich gefragt, ob es wohl auch eine ideologisch geprägte Grünflächenbepflanzung gab? Wurden in der DDR andere Bäume gepflanzt als in Westdeutschland? Welche? Und mit welcher Begründung?

15.7.
Das ist auch ein Eintauchen in einen eigenen sozialen Kosmos, in dem die Trinkerkinder auf die syrischen Flüchtlingsfamilien stoßen, die dicken Kinder auf den zarten Mustafa aus Ägypten, die blonden Jungs auf die jungen Mädchen mit Kopftuch, die auf ihre kleinen Geschwister aufpassen. Und beim Abschiedsfest kommen auch noch die Alten und die langhaarigen Freaks und Röcke-tragenden Männer aus Leipzig dazu, was für eine Mischung! Sie wird komplettiert von zwei AfD-Heinis, auf die wir gerne verzichten hätten. Sie stehen mit siegessicherer Miene am Rand und beobachten alles aus der Ferne, machen Fotos, die wir ihnen verbieten. Plötzlich fühlt sich alles mau an.
Hinzukommen ein Gespräch mit einer Alteingesessen, die betont, ich solle sie nicht falsch verstehen, sie sei ja auch bei den Linken, aber wenn das so weiterginge, sei hier in ein paar Jahren alles arabisch.

17.7.
In der Schweiz angekommen, im vollen Kontrastprogramm, bin ich immer noch damit beschäftigt, die Eindrücke aus Halle zu verdauen. Karen weist mich auf das Radiofeature "Diese Stadt in einem anderen Land – Geschichten aus HaNeu" von Anselm Weidner hin, das 2015 entstanden ist. Der Ankündigungstext klingt vielversprechend, fasst meine vielschichtigen Eindrücke zusammen und füttert sie mit Hintergrundinformationen:
„Halle-Neustadt war die einzige deutsche Großstadt in Großplattenbauweise, eine Stadt, jenseits von Privateigentum an Grund und Boden großzügig geplant und errichtet. Hier galt: gleich viel Licht, Luft und Sonne, gleiche Wohn- und Lebensbedingungen für alle. Hier wohnten Ingenieurin und Putzfrau, Professor und Baggerfahrer im selben Block. Die soziale Infrastruktur von Kindergärten, Krippen, Schulen bis Polikliniken war von vornherein integriert. Die Chemiearbeiterstadt vor den Toren von Buna und Leuna war eine funktionale fordistische und sozialistische Modellstadt aus fortschrittsgläubiger Zeit. Sie war die städtebauliche Ikone der DDR-Nachkriegsmoderne und eine international beachtete gebaute Stadtutopie.
In Halle Neustadt ist heute nichts mehr, wie es war. Die Stadt hat die Hälfte ihrer Bevölkerung und ihren Status als eigene Stadt verloren. Ein Siebtel der Bausubstanz ist abgerissen. Das ökonomische Rückgrat der Stadt ist gebrochen. Die Chemieindustrie kommt mit einem Zehntel der früher Beschäftigten aus.
Der große Exodus seit Mitte der 90er Jahre war eine Abstimmung mit dem Umzugswagen gegen diese städtische Lebensform, aber ebenso gegen „die neue Zeit“, in der Halle-Neustädter Wohnungen von globalen Fonds meistbietend wie Handelsware an der Börse verhökert werden.
Grundsaniert, äußerlich schöner und grüner geworden, zerfällt Halle Neustadt jetzt in Armenviertel und wohlhabendere Quartiere, „differenziert sich“, wie es heißt. Die gebaute Utopie ist gescheitert.
Neustädter, die geblieben sind, halten in den Schlußsätzen des Features so trotzig wie ohnmächtig dagegen: „Es war und ist en schönes Wohnen hier in Halle-Neustadt, ist ein grünes Paradies geworden. Es is natürlich ne andere Zeit geworden, das darf man nicht vergessen.“ [1]
Weitere Stichworte: Überalterung, Hartz 4 Ghetto, 70 % der Kinder gelten als arm, Leerstand, Wohnqualität, Immobilienfirmen (> Grand City), die sich nicht kümmern, eine ohnmächtige Stadtentwicklung, rassistische Überfälle, Heterogenität, Solidarität

15.8.
Ich versuche die besondere Stimmung in HaNeu zu fassen, und vergleiche sie mit meinen Eindrücken aus dem Ruhrgebiet, einem Gebiet, das ebenfalls heterogen und von massiven Transformationen betroffen war. Doch obwohl auch das Ruhrgebiet von Armut geprägt ist, habe ich dort eine andere Grundstimmung gespürt, vielleicht weil die Verbindung in die Vergangenheit nicht so abgeschnitten ist, wie in der ehemaligen DDR; man ist stolz auf seine Bergbauvergangenheit.
In Neustadt habe ich dagegen oft Misstrauen wahrgenommen, das sich äußerte in der Unlust interviewt zu werden oder in der aggressiven Reaktion auf mein Fotomachen. Ich meinte es auch zu spüren, bei den alten Leuten, die keine Miene verzogen als ich mein Fahrrad freundlich lächelnd an ihnen vorbei schob. Ich hatte in diesen Situationen das Gefühl, ich sei ein Eindringling, um dann im nächsten Moment mit den Kindern offen empfangen zu werden, einen Tee ausgegeben und am letzten Tag eine Sonnenblume aus dem liebevoll gepflegten Kleingarten im Innenhof geschenkt zu bekommen.

Wo kommt dieses Misstrauen her? Sind das die Nachwirkungen des DDR-Systems? Weil mich die Frage der ostdeutschen Mentalität so beschäftigt hat, lese ich neugierig in der Leseprobe des Buches "Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft" von Steffen Mau, der in dem gleichnamigen Rostocker Neubauviertel aufgewachsen ist: „Die Vereinigung versprach zwar schnelle Freiheits-, Wohlstands- und Konsumgewinne, erfolgte aber als ökonomischer sowie sozialer Schock und strapazierte die Bewältigungskapazitäten der Menschen bis aufs Äußerste. Zudem fand sich die DDR-Bevölkerung über Nacht auf den unteren Rängen der gesamtdeutschen Hierarchie wieder und unterschichtete die westdeutsche Gesellschaft. Deklassierungs- und Entmündigungserfahrungen waren an der Tagesordnung, und dies zu einem Zeitpunkt, an dem man gerade zum ersten Mal die beglückende Erfahrung kollektiver Handlungsfähigkeit gemacht hatte. Es gab einen massiven Elitentransfer von West nach Ost – eine Überschichtung –, die wichtigsten Schaltstellen der ostdeutschen Teilgesellschaft wurden mit neuen, importierten Eliten besetzt.“ [2]

16.8.
Beim Überarbeiten meiner Notizen fällt mir auf, dass es gar nicht so einfach ist, das Klischee von Halle-Neustadt als Problemviertel nicht zu reproduzieren. Tatsächlich bin ich jeden Tag mit offenen Augen (und Ohren) durch das Viertel gefahren und habe etwas Neues entdeckt – ein Viertel voller Kontraste, in dem die Spuren der DDR auf den ungestümen Kapitalismus treffen, sozialistische Wandbilder auf Anzeigen von Immobilienfirmen, auf denen es heißt „Einziehen und Wohlfühlen“. Ich muss nur ein paar Blocks weiterfahren und die Stimmung verändert sich: aus einem eher Mittelschichts-geprägten Block komme ich zu einer Platte, die komplett in ein Altersheim umgebaut wurde, ein paar Straßen weiter gibt es einen Döner-Imbiss und eine Spielhalle. Die Bewohnerschaft wird älter und diverser. Ich habe das Gefühl, dass sich auf engen Raum verschiedene Szenen nebeneinander arrangieren. Und weil es so wenige Lokalitäten gibt, tun sie dies oftmals im öffentlichen Raum.
Manchmal spüre ich Lethargie und vermute, dass die Anwohner*innen hier nicht so mobil sind, wie in anderen Teilen der Stadt. Aber die Kinder sind agil und bewegen sich selbständig durch das Viertel. Obwohl oft davon die Rede ist, dass es hier so schnell verdrecken würde, sehe ich viele aufgeräumte Ecken. Während der Woche, in der Kaleidoskop stattfindet, das aus provisorischen Architekturen besteht, die abends mit einem Plastikband „abgesperrt“ werden, wird nichts kaputt gemacht.

Ich recherchiere nach den Filmen von Thomas Heise, die er in Neustadt gedreht hat – es ist eine Trilogie, die er im Abstand von ca. sieben Jahren gemacht hat "Stau – Jetzt geht`s los" (1992), "Neustadt. Stau – Der Stand der Dinge" (2000), "Kinder. Wie die Zeit vergeht." (2007). In einem Interview sagt Heise, der dort Neonazis gefilmt und interviewt hat: „Ich finde es interessant, sie zu zeigen, wie sie sind, nicht wie sie sich darstellen wollen.“ Auf die Frage des Interviewers, wie man das hinkriege, antwortet er: „Das hat Monate gedauert. Ich habe da einfach nur Zeit verbracht, habe mich ansprechen lassen. In Stau ging’s damals ums Vorhandensein; dass man sie wahrnimmt. Das ist aber nicht passiert. Damit will keiner was zu tun haben.
Ich habe bei "Stau" gesagt, man kann nicht über Nazis einen Film machen, dabei kommt Propaganda heraus. Das Ziel eines Films ist es, Erfahrung zu machen. Diese Erfahrung kann ich an andere vermitteln. Erfahrung kann ich aber nur machen, wenn ich offen bin. Man muss begreifen, dass man genauso sein könnte wie sie. Mit Abgrenzung lässt sich nichts beginnen.“[3]

[1] http://anselm-weidner.de/diese-stadt-stand-in-einem-anderen-land-geschic...
[2] https://www.suhrkamp.de/buecher/luetten_klein-steffen_mau_42894.html
[3] „Man braucht Zeit“. Der Filmemacher Thomas Heise über den NSU, das Drehen mit Neonazis und die Frage, wie man die AfD filmt, in: der Freitag, Ausgabe 13/ 2016, https://www.freitag.de/autoren/mdell/man-braucht-zeit

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