Köln, Rudolfplatz

Köln, Rudolfplatz

Thorsten Krämer
Ja, hock du mal einen Tag lang
Unter meinem Blumenkübel!

Dann weißte, was ich meine

Jens Hagen, City Poem



Gestern komm ich auf der Aachener Straße an einem umgefallenen Mülleimer vorbei. Ein paar Pfandflaschen waren herausgerollt, und als ich mich gerade bücken will, um sie aufzusammeln, kriecht plötzlich eine Ratte aus dem restlichen Müll hervor. Sie bleibt abrupt stehen, als sie mich sieht, und ich bin weniger erschrocken als irgendwie verlegen. Wie wenn man die Tür zum Klo aufmacht und da sitzt schon jemand. Das ist ja für beide Seiten keine schöne Erfahrung, aber wenigstens kann man da die Tür schnell wieder zumachen. Mit so einer Ratte auf offener Straße ist die Sache schon schwieriger. Ich steh also unschlüssig da, und die Ratte nickt mir zu, anders kann ich das nicht beschreiben, also sie senkt kurz ihre Schnauze und hebt sie wieder und guckt mich an dabei, dann schlägt sie abrupt einen Haken und verschwindet durch einen Abfluss am Bordstein. Und ich steh immer noch da wie dumm, halb vorgebeugt, mitten in der Bewegung erstarrt, bis ich mir endlich einen Ruck gebe und weitergehe. Einen Block weiter sind mir dann die Flaschen wieder eingefallen, und ich bin noch mal zurück zu der Stelle, aber in der Zwischenzeit hatte sie schon jemand anders genommen. Von der Ratte keine Spur.

***

Rudi ist unser Vorbild. Seit fünf Jahren ist er offiziell erwerbsunfähig, Zwangsstörung. Er trägt immer so Einweg-Plastikhandschuhe, jedes Paar einen Monat lang, am Ende sind sie immer schon ganz schwarz. Das macht er, weil er so reinlich ist. Versteht nur keiner, das ist ja das Problem. Einmal war ich bei ihm zu Hause, er hat keine Schränke oder Schubladen oder so, seine ganze Habe liegt ordentlich gestapelt an den Zimmerwänden. Ich war da, um ihm die Fingernägel zu schneiden, weil wenn er das selbst macht, kann es ihm passieren, dass er sich die Finger blutig schneidet, weil er leicht manisch wird, wenn die Nägel nicht auf Anhieb alle gleich lang werden. Ich hatte natürlich Schiss, dass ich seinen strengen Ansprüchen nicht genüge, aber mir gegenüber fiel es ihm wohl leichter, sich zu beherrschen, deswegen hatte er mich überhaupt gefragt. Ich hab gemerkt, wie er so schwer geatmet hat, als ich mich am ersten Finger zu schaffen machte, ich war auch echt aufgeregt, aber er war sehr geduldig, und ich hab mir große Mühe gegeben, akkurat zu schneiden, nicht wie bei meinen eigenen Fingernägeln, die ich an der rechten Hand immer schief schneide, weil ich mit der linken Hand die Schere nicht richtig bedienen kann, aber bei ihm konnte ich ja alle zehn Nägel mit rechts schneiden, und zusammen haben wir das dann geschafft.
Jedenfalls: Unser Vorbild ist Rudi deshalb, weil er immer was zu tun hat. Er räumt die Stadt auf. Wenn wir zusammen am Büdchen stehen und Brötchen essen, ist er es, der die Krümel vom Stehtisch aufliest, er fegt sie nicht einfach mit dem Handrücken auf den Boden, nein, er sammelt sie einzeln auf und wirft sie in den Mülleimer. Wenn ich mit ihm die Ringe entlang gehe, bleibt er alle paar Meter stehen, um eine leere Zigarettenschachtel oder einen Pappbecher oder ein Rubbellos aufzuheben. Jeden Sonntag fegt er vor der ersten Messe den Hof einer katholischen Kirche, deren Pastor ihm bei seinem Papierkram hilft. Er hat Energie ohne Ende; man kann ihm nur nicht sagen, was er machen soll. Vor einer konkreten Aufgabe kapituliert er, weil alles, womit man fertig werden kann, ihn verunsichert. Nur das Aussichtslose macht ihm keine Angst. Deswegen frustriert es ihn auch nicht, wenn immer wieder neuer Müll auf der Straße liegt, im Gegenteil: Da ist er ganz in seinem Element. Ich bin ihm einmal zufällig begegnet, als er gerade beim Fegen war. Er hatte den Kopfhörer seines alten Discman auf, sang leise irgendeinen Song mit und schwang den Besen ganz beiläufig, ohne großen Kraftaufwand. Ich habe selten einen so zufrieden wirkenden Menschen gesehen. Auf einmal war ich fast neidisch auf ihn, und das war mir peinlich, also bin ich schnell weitergegangen.

***

Heute Morgen hab ich noch mal die Ratte gesehen. Die Sonne war gerade aufgegangen, es war noch diesig in den Straßen, kaum einer unterwegs. Sie kroch aus einem Gully vor der Brennerei Weiß, als ich da vorbeiging. Ich hab sie sofort erkannt. Sie bewegte sich von mir weg, aber dann blieb sie plötzlich stehen und drehte sich zu mir um. Auch ich blieb stehen, und für einen Moment schauten wir uns an. Dieselben sanften, fast verständnisvollen Augen, die mir schon beim ersten Mal aufgefallen waren. Ich bin mir sicher, sie hat sich auch an mich erinnert. Dann hat sie sich umgedreht und ist weitergezogen. Ich bin noch eine Weile stehengeblieben, um diese seltsame Begegnung zu verdauen. Haben Ratten ein Personengedächtnis? Oder kennen die sich nur mit Labyrinthen aus? Wenn ich sie noch ein drittes Mal sehe, werde ich sie fragen.

Es ist ja nicht so, dass ich kein Zuhause hätte. Aber was soll ich da? Wenn ich morgens die Augen aufmache, sieht die Wohnung immer noch genauso aus wie am Abend vorher. Dann lieber raus auf die Straße. Die verändert sich die ganze Zeit. Nicht immer große Veränderungen, wie jetzt mit der Baustelle, aber so kleine Sachen. Die sieht man aber nur, wenn man wiederkommt. Deshalb versteh ich die Urlauber nicht, die so im Eiltempo durch fremde Länder ziehen, jeden Tag eine andere Stadt sehen und am Ende überhaut nichts mitbekommen haben. Und was das kostet! Da komm ich mit dem Kaffee aus dem Büdchen deutlich günstiger davon. Inzwischen benutze sich sogar meinen eigenen Becher, wegen der Umwelt. Also wenn ich ihn nicht zu Hause vergesse. Aber der Wille ist jedenfalls da. Rudi hat mich drauf gebracht, weil ihm aufgefallen ist, dass er in letzter Zeit weniger von diesen Plastikbechern aufsammeln muss. Rudi bekommt einen guten Eindruck von der Gesellschaft durch den Müll, den er jeden Tag aufliest. Er könnte so ein Privatarchiv aufmachen und irgendwann steht er damit dann im Internet: „Mann sammelt jeden Tag für zehn Jahre Müll auf – hier ist, was er gefunden hat.“ Ein paar Tage lang ist er dann berühmt, die Leute tuscheln hinter seinem Rücken und zeigen auf ihn, wenn er den Hohenzollernring entlang geht. Vielleicht kommt auch jemand vom WDR und macht ein Interview mit ihm. Aber nach ein paar Tagen schwappt die Aufregung allmählich ab, und dann ist es vorbei und er ist einfach wieder Rudi.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem gleichnamigen Buch von Thorsten Krämer, das unter www.yeh.de erhältlich ist.

Foto: Anna-Lena Wenzel
Mi, 09/22/2021 - 09:54
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