Karten zur Erinnerung an den deutschen Kolonialismus

Karten zur Erinnerung an den deutschen Kolonialismus

Moses März im Gespräch mit Anna-Lena Wenzel seine visuellen Kartierungen
Moses März zeichnet Karten, große Karten, die er als Installationen in Ausstellungen präsentiert oder als Mappen in seinem eigenen Verlag Mittel & Zweck veröffentlicht. Darin verhandelt er Themen wie die Restitution afrikanischer Kunst unter dem Titel „No Museums in Africa“, den „Lorde-Effekt“ von Audre Lorde und ihren afro-deutschen Mitstreiterinnen in den 1980er Jahren oder zeichnet den Lebensweg von Anton Wilhelm Amo nach.
Im Rahmen des Projekts „What If Berlin“ der Berliner Festspiele hängt seine „Karte für einen zentralen Lern- und Erinnerungsort zum deutschen Kolonialismus“ in der Eingangshalle der S-Bahnstation Treptower Park. Sie ist eine von 27 unrealisierten künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Projekten, die entlang der Ringbahn präsentiert werden.
Zu unserem Gespräch hat Moses März Reproduktionen seiner Kartierungen mitgebracht und breitet die Karte über Anton Wilhelm Amo, einen der ersten Schwarzen Philosophen in Europa, aus. Er hat Amos Lebensweg mithilfe zweier Linien dargestellt, die ergänzt werden durch eine Vielzahl von assoziativen Verknüpfungen – darunter Zitate, Fotos und Abbildungen.
Auf der Karte, die am Bahnhof Treptower Park zu sehen ist, ist der Name von Amo ein Detail, das den Begriff „Sklavenhandel“ durch eine breite schwarze Linie mit dem Begriff „Afrikakonferenz 1884/85“ verbindet. Die Karte zu Amos Leben wird damit zu einem Teil der größeren Landschaft deutscher Kolonialverstrickungen.


Anna-Lena Wenzel: Wie würdest du in deinen Worten beschreiben, was deine Karten auszeichnet?

Moses März: Diese Art des Visualisierens von Lesenotizen ermöglicht mir in erster Linie, Geschichten zu erzählen, die ich gerne mit einem größeren Publikum teilen möchte. Mit den Karten möchte ich aber auch allgemein eine Methode dafür anbieten, wie ein großes Maß an Informationen verdichtet und auf visuell ansprechende Weise wiedergegeben werden kann. Für mich stimmt hier der Inhalt mit der Form überein. Man kann die Karten unterschiedlich lesen – als Bilder oder Wissensspeicher, und im Fall der Amo-Karte als Biografie in der Form von gezeichneten Lebenslinien.

ALW: Ich habe mehrere deiner Karten in einer Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt gesehen und war so fasziniert wie überfordert von ihnen.

MM: Ja, sie waren Teil des Surrealismus-Events „Unwirkliche Verbindungen“ im Frühjahr 2025. Mir ist klar, dass nicht jeder immer alles versteht – und auch nicht verstehen muss. Man muss ein bisschen Energie aufbringen und seinen eigenen Zugang finden. Es gibt keine richtige oder falsche Art die Karten zu lesen. Weil uns bewusst war, dass es Zeit und Ruhe braucht, um in die Karten einzusteigen, war es uns bei den Karten im HKW wichtig, eine gedruckte Version bereitzustellen, die sich die Besucher*innen mit nach Hause nehmen konnten.

ALW: Für mich hat es etwas sehr assoziatives, wie du Begriffe mit Zitaten und Bildern verknüpfst. Wie bist du auf die Form gekommen?

MM: Ich wollte immer Geschichten erzählen und habe in vielen Kontexten unterschiedliche Arten und Weisen des Schreibens ausprobiert. Die Karten ermöglichen mir, das Visuelle mit dem Schriftlichen zu kombinieren, sie sind für mich visuelle Essays. Ich benutze die Karten auch gerne als Grundlage in der Lehre, um die Themen zu vermitteln, die mir wichtig sind.

ALW: Du schreibst die Begriffe mit der Hand, auch den Pfeilen und Linien, die die Begriffe miteinander verbinden, sieht man das Handgezeichnete an. Dadurch unterstreichst du die Subjektivität deiner Karten.

MM: Als ein Genre der Wissensproduktion ist die Karte hierarchisch weit oben, was objektive Wissensproduktion angeht. Kartierungen wie Google Maps oder die Mercator-Projektion sind sehr machtvolle Instrumente und Visualisierungen. Historisch ist die Kartographie eng mit dem Kolonialismus verbunden und dem Wunsch, fremdes Territorium zu erschließen, zu kontrollieren und auszubeuten. Obwohl die Kartographie traditionell Kunst und Wissenschaft miteinander verbunden hat, wird sie heutzutage vor allem mit Objektivität und Präzision assoziiert. Meine Maps beanspruchen weder neutral zu sein, noch behaupten sie, dass sie eine ultimative Wahrheit darstellen. Für mich sind es Hilfswerkzeuge, mich in einer abstrakten Geographie von Wissen zu orientieren. Dabei sind sie immer sehr subjektiv und zugleich von bestimmten Theorietraditionen geprägt.

ALW: Wie machst du das praktisch? Die Karten sind ja ziemlich groß.

MM: Es ist ein sehr manueller Prozess: Beim Lesen der Bücher mache ich mir zuerst Notizen ins Buch, die ich dann auf A4-Blätter übertrage. Im nächsten Schritt bringe ich die Notizen ins Flächige, das heißt, ich setze die einzelnen Informationen miteinander in Verbindung. Das ist wie eine narrative Struktur, ein Begriff von Mark Lombardi, der eine ähnliche Praxis entwickelt hat. Die Richtung der Linien ergibt sich aus der Geschichte – das kann ein Kreis sein, oder wie hier bei Amo ein Auf und Ab. Dass ich Formen sehe, wenn mir jemand Geschichten erzählt, kann man sich wie eine Form der Synästhesie vorstellen. Wenn sich die Skizze auf den A4-Papieren schlüssig anfühlt, übertrage ich das auf ein großes Blatt Papier. Das läuft alles mit der Hand ab. Dann überlege ich mir, welche Bilder ich dazu verwenden will, und hole mir die dann aus dem Internet und drucke sie im Copyshop aus.

ALW: Gibt es auch eine digitale Arbeitsweise oder arbeitest du nur physisch?

MM: Eigentlich fasst nur physisch. Ich habe das Gefühl, dass mich das Digitale leicht ablenkt, deswegen setze ich es nur punktuell ein. Außerdem ist man limitiert auf die Größe des Screens, wenn man zum Beispiel ein Tablet verwendet.

ALW: Wenn man genau schaut, kann man erkennen, dass du die Wörter zum Teil mit Bleistift vorzeichnest und sie dann noch mal nachziehst. Das betont das Prozesshafte der Entstehung.

MM: Ja, wenn man alles mit Bleistift macht, ist alles gleich wichtig und kann auch wieder verschwinden. Wenn ich im nächsten Schritt die Bleistiftzeichnung mit Buntstiften überschreibe, betone ich bestimmte Sachen. Ich schreibe jedes Wort auf den Karten üblicherweise drei Mal bis es für mich so aussieht, dass es bleiben kann. Durch diese Wiederholung reduziere ich einerseits die Informationen auf das für mich Wesentliche. Zugleich betone ich dadurch, was letztlich sichtbar ist.

ALW: Wann ist eine Karte zu Ende?

MM: Zu meiner Arbeit gehört, mich zeitlich zu begrenzen. Ich arbeite nur einen Monat aktiv an einer Karte und konzentriere mich üblicherweise auf drei, vier wesentliche Texte zu einem Thema. Ich könnte sonst mein ganzes Leben damit verbringen, Spezialist in einem Gebiet zu werden, aber das möchte ich gar nicht. Diese Form gibt mir die Möglichkeit zu sagen, „Jetzt reicht es“, das ist in der klassischen Wissenschaft anders. Gleichzeitig kann ich die Karten auch immer wieder verändern, Fehler korrigieren oder neues hinzufügen. Wenn zum Beispiel ein Straßenname geändert wird wie bei der Audre-Lorde-Straße, dann füge ich diese Änderung in eine aktualisierte Version einer Karte ein. Für mich sind die Karten deshalb auch „living maps“ – die Karten sind lebendig.

ALW: Was ich auffällig finde, ist, dass du auf unterschiedliche Quellen verweist und assoziativ vorgehst, wenn du zum Beispiel von Amo eine Verbindung zu May Ayim ziehst, die ja viel später gelebt hat, oder eine Linie zu SAVVY Contemporary einzeichnest, um auf zeitgenössische Auseinandersetzungen mit Amo zu verweisen. Dadurch verlässt du einen zeitlichen oder örtlichen Kontext und betonst das Relationale.

MM: Ja genau, es geht um Relationen, die zeitliche und räumliche Maßstäbe relativieren können, die für uns natürlich geworden sind. Wenn ich eine Karte zeichne, die zeitlich 5000 Jahre umfasst, ergeben sich andere Verhältnisse. Das ist toll. Das ist wie Reisen. Statt Amos Biografie im Stil eines Zeitstrahls chronologisch darzustellen, habe ich eine zyklische Zeitdarstellung gewählt. Man kann die Linien Rauf- und Runterfahren und verschiedenen Abzweigungen und Verbindungen folgen. Die Karten sagen nicht entweder/oder, sondern ja, das eine, und ja, auch das andere.

ALW: Man spürt in Form und Inhalt der Karten, dass du einen eigenen Ansatz verfolgst – eine wissenschaftlich fundierte künstlerische Arbeitsweise, die sich vom vermeintlich Objektiven, zum Subjektiven bewegt und dabei durchaus aktivistische Züge trägt.  

MM: Mein Zugang zu Wissen ist Neugierde, außerdem experimentiere ich gerne mit verschiedenen Blickwinkeln auf Dinge. Ich versuche in Form dieser Karten einen anderen Zugang zu Wissen anzubieten, auch um Verbindungen herzustellen. Ich möchte einerseits, dass diese Verbindungen vermittelt werden und anderseits einen anderen Umgang mit Wissen teilen. Man spürt richtig, dass man dabei mit Jahrhunderten von Geschichten und mächtigen Traditionen der Wissensproduktion ankämpft. Mit den Karten kann ich starre Grenzen zwischen den Disziplinen aushebeln. Es sind eher Angebote oder Forschungsvorhaben als fertige Texte. Ich freue mich, wenn mir Leute erzählen, dass sie durch meine Karten auf neue Gedanken gekommen sind oder Informationen finden, die sie überraschen.

Tatsächlich interessiert mich sehr, wie die Dinge miteinander zusammenhängen. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Wie kann man diese Verbindung benennen ohne eine Kausalität zu suggerieren? Ich versuche immer den Überblick zu bewahren, um mich nicht in den Details zu verlieren. Deswegen finde ich es interessant, zum Beispiel die Straßenumbenennung mit anderen Kämpfen zu verknüpfen, die um Restitution oder internationale Gerechtigkeit geführt werden. Wenn es um Kolonialismus geht, wird ja oft gesagt: „Das hat mit uns nichts zu tun“, oder: „Das ist lange her und zu weit weg“. Man wertet es ab, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Mein Beitrag zu postkolonialen Initiativen ist, durch diese Karten darauf hinzuweisen, dass viele der heutigen Kämpfe nicht neu sind und dass wir sie nicht isoliert betrachten sollten. Man kann Stärke daraus ziehen, wenn man erfährt, dass ähnliches anderswo auch schon gemacht wurde. Es macht Mut zu sehen, dass es schon seit langer Zeit einen globalen Austausch im Kampf gegen Rassismus und Kolonialismus gibt.

ALW: Die Karte, die im Treptower Park zu sehen ist, ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich deine Karten kritisch mit dem Thema Kolonialismus auseinandersetzen. Du hast erzählt, dass sie in Zusammenarbeit mit der Dekoloniale initiative für Erinnerungskultur in der Stadt entstanden ist. Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen?

MM: Mein Austausch mit der Dekoloniale fing im Rahmen der 12. Berlin Biennale an, die von Kader Attia 2022 kuratiert wurde. Mir war es damals wichtig, dass mein Beitrag zu der Biennale die Arbeit der Dekoloniale unterstützen würde. Durch Ibou Diop, der für die Dekoloniale ein Erinnerungskonzepts zum deutschen Kolonialismus für die Stadt Berlin erarbeitete, kam dann 2023 die Anfrage, ob ich eine Karte zum deutschen Kolonialismus zeichnen möchte, die im Rahmen eines Workshop geteilt werden könne. Das Erinnerungskonzept liegt jetzt vor. Als nächstes geht es um die Übertragung dieses Konzepts in einen zentralen Lern- und Erinnerungsort, wo Wissen über deutschen Kolonialismus an eine breite Öffentlichkeit vermittelt wird. Auf der Karte am S-Bahnhof Treptower Park ist dieser Ort schon ganz oben in der Mitte eingezeichnet. Ihn tatsächlich zu materialisieren ist durch die politischen Veränderungen der letzten Jahre leider deutlich komplizierter geworden. Die Karte im Rahmen des „What If Berlin“-Projekts zu zeigen soll daran erinnern, dass es diesen Ort unbedingt geben muss.

ALW: Wie bist du auf das Format Kartierung gekommen?

MM: Vor etwa zehn Jahren habe ich eine Serie von Diagrammen gezeichnet, die wir im Rahmen einer Ausgabe der Chimurenga Chronic in Magazin-Artikel verwandeln wollten. Ähnlich wie bei einem Story Board habe ich dabei die wichtigsten Namen und Ereignisse durch Linien miteinander verbunden. Als uns die Zeit bis zur Veröffentlichung davon lief und sich die Suche nach Autor*innen schwierig gestaltete, die mit der Aufgabe beauftragt werden konnten, haben wir gemerkt, dass die Diagramme selbst als Geschichten gelesen werden können.

ALW: Inwiefern ist diese Art des Kartenzeichnens für dich attraktiver als andere Genres, wie etwa Comics oder Dokumentarfilme?

MM: Der Vorteil der Karten ist, dass ich keine großen Mittel dafür brauche. Ich muss weder ein Kamerateam bezahlen, noch bin ich von Förderzeiträumen abhängig. Ich hole mir mehrere Bücher und mappe sie in einem relativ kurzen Zeitraum zu einem Bild zusammen. Damit die Karten einen Effekt haben, muss ich nicht mal gut zeichnen können. Meine Karten haben das Potential zu zirkulieren und geteilt zu werden – durch soziale Medien oder persönliche Emails. Es kann als Format reisen. Dieser Effekt ist mir wichtig.

Karte der Anton-Wilhelm-Straße und Karte für Zentralen Lern- und Erinnerungsort zum deutschem Kolonialismus: Moses März
Foto der Karte amTreptower Park: Akira Takayama
Do, 08/27/2026 - 10:00
Kurzbeiträge

Einwürfe

Karten zur Erinnerung an den deutschen Kolonialismus Moses März im Gespräch über seine visuellen Kartierungen.
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