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Zurückbleiben bitte

Zurückbleiben bitte

 

Beständig frisst sie sich durch die Tunnel unter der Straße hindurch, Zschhhhh-Dong, die Tür öffnet sich, neue Passagiere treten ein, abgehetzt von der Arbeit, tropfend vom Regen, heiter vom Alkohol. Blinkendes rotes Licht und weiter geht‘s. »Und so nahmen für ein Weilchen alle zusammen Platz.« Die soziale Zwangsjacke zieht sich zu.

 

Vier Beobachtungen.

 

1.

Hastig, viel zu schnell drückt sie auf den Knopf, der die Tür der Bahn zum Öffnen bringt. Man könnte meinen, der Türöffner steht unter Strom und beschert ihr kleine Stöße. Sie tritt ein, ihr Gesicht verzieht sich, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Nur zaghaft und nach mehr als ein paar Sekunden Überlegung läuft sie schüchtern durch den Gang, schwankt hin und her und preist den Straßenfeger in ihrer Hand viel zu leise an. Wahrscheinlich hat sie vorm inneren Auge immer einen anderen Verkäufer parat, der zwangsläufig rhetorisch begabt werden musste und polternd-schreiend durch den Gang schreitet; erfolgreicher als sie. Verabschiedung: »Machenses jut!«

 

2.

Er sitzt mir gegenüber, seine Beine ineinander verknotet und schreit in sein Klapp-Handy, abwechselnd in Deutsch und Englisch. Nein, ich kann jetzt nicht sprechen du. Während er dies von sich gibt, schaut er sich verstohlen um, Menschen drehen sich genervt weg, andere kichern, er fixiert mich, guckt mir unverfroren in die Augen, es ist klar: Da ist niemand anderes in der Leitung, mit dem er sprechen, oder wie er sagt, nicht sprechen könnte. Unaufhörlich denkt er sich aber weitere Geschichten aus, sein neuer Job, der anstrengende Tag, ja, ich vermisse dich sehr, I love you too. Immer mehr verstrickt er sich in die eigene Illusion, selbst ich fange an, in meinem Kopf Antworten auf seine Fragen zu formulieren, als könnte ich ihm diese in einer Art Telepathie zukommen lassen, damit er sich die Antworten nicht alle selber denken muss (was ich mir unfassbar anstrengend vorstelle). Irgendwann werde ich nervöser, habe Angst, dass sein Telefon anfängt zu klingeln, obwohl er es ja gerade »benutzt« und sein ganzer Trug auffliegt. Zu schön ist der Gedanke, er spräche zu sich und gleichzeitig zu allen und für alle anderen, zu schön die Vorstellung, er hätte tatsächlich jemanden, dem er von seinem Leben erzählen könnte.

 

3.

U-Bahnhof Alexanderplatz: Ausgemergeltes Gesicht, klein, sehr dürr, schwach, Multifunktionsjacke, blau unterlaufene Augen. Alle seine Knochen im Gesicht stehen hervor, er wirkt den Tränen nahe, die ganze Zeit. Irgendwas hält ihn auf seinem Gang durch die Station zurück, so wie wenn man zwei gleiche Pole eines Magneten aneinander hält und diese sich immer wieder ausweichen, so weicht er seinem Umfeld aus. Er kommt auf mich zu, der erste Gedanke: Dealer. ER: »Ich möchte dich zur Bibelstunde einladen.« Als sei die Bibel Speed. Von mir abgelehnt, trottet er weiter. Mein Blick folgt seinem Weg von Menscheninsel zu Menscheninsel, alle winken ab, er wankt angespannt unaufhörlich weiter. Wie muss es sein, wenn man den ganzen Tag zurückgewiesen wird und sich ja doch selber immer wieder absichtlich in diese Situation geradezu hineinwirft? Er ist ja nicht gezwungen, den Menschen die Bibelstunde anzupreisen. Und er scheint noch nicht mal darauf vorbereitet zu sein, wenn jemand doch unerwartet sagen würde: »Ja, ich habe Interesse«.

 

4.

In der U-Bahn auf dem Weg zur Uni verknallt. Er, groß, helle Levis, Glatze, einen ganz besonderen, dunklen Hautton, das Brusthaar saß schön gekräuselt direkt zwischen den Brustmuskeln, so gut zu sehen, weil er ein weißes Unterhemd trug. Sein Profil war wie gezeichnet. Er las ein Buch, sehr konzentriert, schaute auch nur auf, wenn die Bahn hielt und schielte dann ganz entzückend nach links und rechts, um die neuen Fahrgäste zu begutachten, man sah dabei fast nur noch das Weiße der Augen, er hatte wundervolle Arme, ich wollte ihn toddrücken.

 

Nieselregen, aber sonnig durch die Wolken. Nebel schießt aus dem U-Bahnschacht, das Licht der Sonne wird stärker, scheint ins Gesicht, plötzlich glücklich allein.

 

 

Dierk Saathoff
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