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Was läuft denn da?

Ausgabe: Kampfzone Berlin

Was läuft denn da?

Von Demonstrationen, Performances und Paraden
Anna-Lena Wenzel

Was unterscheidet eigentlich Demonstrationen, Umzüge und künstlerische Performances voneinander? Wie viele Teilnehmer braucht eine Demo? Wie wichtig sind Slogans, Musik und Transparente für das Gemeinschaftsgefühl? Geht es um das Dagegen- oder das Dafür-sein?

Am 25.7. zog ein „Zug der Liebe“ durch Berlin. Musikwagen reihte sich an Musikwagen, ausgelassene Menschen tanzten auf der Straße. Was wie die Love-Parade aussah, war aber als Demonstration gemeint. Jens Schwan, einer der Veranstalter, verkündete vorab, dass sie sich in der Tradition des CSD, des Karneval der Kulturen und von Mediaspree sehen würden: „Auch das sind eigentlich Demos, die sich einfach der Musik bedienen, um mehr Leute zur Verkündung ihrer Anliegen zu ködern. Würde ich nur eine Demonstration veranstalten, ohne Musik, kommen da vielleicht nur 50 Leute. Das bringt es doch auch nicht.“[1]

 

In Berlin, der Stadt mit den meisten Kundgebungen Deutschlands, hat sich die Zahl in den letzten Jahren stetig erhöht. Hier finden sich neben Festen zum 1. Mai, Protestmärschen, Fahrraddemonstrationen, Flashmobs und Hanfparaden auch viele künstlerische Aktionen und Performances, die mit den Symbolen von Demonstrationen spielen und sich ebenfalls im öffentlichen Raum bewegen. Mit dem sogenannten Sendermann, einem Fahrradkämpfer und der Demo gegen den Winter nehme ich hier drei Formate genauer in den Blick.

 

Der Sendermann

 

In den Wintermonaten des Jahres 1972 tauchten in den Bezirken Tempelhof und Schöneberg die ersten Mitteilungen des sogenannten Sendermanns auf. Bis zum Jahre 1978 überzog er die Innenstadt von Westberlin mit einer ganzen Reihe von Inschriften. Der Fotograf Andreas Seltzer hat damals auf der Suche nach Inschriften des Sendermanns die Stadt durchwandert und festgehalten, was er gefunden hat. In einer Ausstellung in der Laura Mars Gallery wurden die s/w Fotografien vor zwei Jahren gezeigt.

Im Ausstellungstext heißt es: „An den Wochenenden sah man ihn häufig den Kurfürstendamm mit Transparenten entlangwandern. Er war ein kräftiger Mann, der mit schneidender Stimme durch sein Megaphon kryptische Botschaften rief: ‚Bürger! Entwickelt Initiative! In jedem 3. Haus CIA und Abschirmdienst mit Sendern! Wehrt Euch! Der Verfassungsschutz foltert Bürger mit Sendern!‘ Der Parolenseligkeit der versickernden Studentenbewegung überdrüssig, tippten sich die meisten Passanten an die Stirn: wieder ein Spinner.“[2] Berlin war in den Jahren der Sendermann-Aktivitäten ein Eldorado der Geheimdienste: CIA, NSA (mit ihren Abhöranlagen auf dem Teufelsberg), KGB, britische und französische Geheimdienste, DDR Staatssicherheit, BND, Verfassungsschutz – allen ging es um das Sammeln von Informationen, das Platzieren von Maulwürfen und letztlich um politische Einflussnahme. Gegen die allgegenwärtige Überwachung protestierte der Sendermann mit seinen Plakaten und Schriftzügen. Doch „[i]m Gegensatz zu seinen öffentlich vollzogenen Plakat- bzw. Transparentaktionen musste das Schriftschreiben heimlich stattfinden. Hätte man ihn dabei erwischt, wären saftige Strafen fällig gewesen. Wie Tagger und Sprayer heutzutage, hatte er ein sicheres Auge für die Platzierung seiner Botschaften. Viele seiner oft sorgfältig gepinselten und variantenreichen Slogans waren in Winkeln städtischer Brachen versteckt und konnten an Bauzäunen und an Wänden von Kinderspielplätzen, Parkplätzen, Brücken und Straßenunterführungen entdeckt werden.“
Der Fotograf Andreas Seltzer interpretiert die Sendermann-Sätze als eine zeitgemäße „Bildnerei der Geisteskranken“, die das Stadtterrain als Arbeitsfeld versteht. Damit hat er viel gemein mit zwei Sprayern aus Hamburg: Peter-Ernst Eiffe und OZ. Eiffe verteilte 1968 in ganz Hamburg seine Statements – neben politischen Parolen hinterließ er seine Telefonnummer oder kommentierte Werbung. Seine Aktion „Freie Eiffe Republik“ im Hamburger Hauptbahnhof brachte ihn allerdings in die Psychiatrie in Ochsenzoll. Der Sprayer OZ war seit 1977 in Hamburg unterwegs und verunglückte 2014 beim Sprayen tödlich. Obwohl seine Arbeiten auch in Galerien gezeigt wurden, brachten sie ihm doch immer wieder Gerichtsverfahren und den Ruf ein eigenwilliger Einzelgänger zu sein.

 

Der Fahrradkämpfer mit dem Mikrofon

 

Man hört ihn schon von weitem: Aydin Akin kämpft für sein Wahlrecht. Fast jeden Tag. Auf seinem Fahrrad fährt er durch Berlins Straßen, stets ausgerüstet mit einer Trillerpfeife, einem Megafon und einem doppelseitigen Plakat verkündet er seine Forderung: „Wahlrecht für Tispjg.“ Der Name „Tispjg“ ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der Anwerbeländer, aus denen seit den 1960er Jahren Gastarbeiter nach Deutschlang angeworben wurden: Türkei, Italien, Spanien, Portugal, Jugoslawien und Griechenland.

Akin will wählen dürfen – ohne dafür seine türkische Staatsbürgerschaft aufgeben zu müssen. Er lebt schon seit 40 Jahre in Deutschland und will nicht akzeptieren, dass ihm das Wahlrecht sogar auf kommunaler Ebene verwehrt bleibt, obwohl er Steuern zahlt und auch sonst alle Bürgerpflichten erfüllt.

Manche schauen ihm amüsiert nach, wie er auf seinem Fahrrad durch die Gegend fährt, andere wenden vom täglichen Lärm genervt den Kopf ab. Akin wählt für seinen Kampf die Straße, obwohl Lobbyarbeit doch zumeist Schreibtischarbeit ist. Dass jemand seine Forderungen so öffentlich teilt, ist ungewöhnlich in Zeiten, in denen Change.org innerhalb von kurzer Zeit Hunderte von Proteststimmen sammelt. Aber Akin ist hartnäckig. Und ein Einzelkämpfer. Eine Demonstration ist definitionsgemäß eine Versammlung mehrere Personen. Kann man ihn trotzdem als Demonstrant bezeichnen oder ist er eher Performer bzw. gar ein Sonderling?

 

Die Kunstaktion

 

Nur an einem Tag, nämlich am 31.1.2015, fand die „Demo gegen den Winter“ statt. Das Motto lautete: „Wir kämpfen für Sommer“. Organisiert haben die Demonstrations-Performance die Künstler April Gertler und Asmund Hasten-Mikkelsen. Für die Aktion hatten sie im Vorfeld Wärmedecken verteilt und einen Workshop durchgeführt, bei dem Transparente und Bekleidungen gebastelt wurden. Einen Nachmittag lang zog eine ca. 30 köpfige Gruppe durch den Prenzlauer Berg. Das ursprüngliche Ziel, die Demonstration mit Lärm zu begleiten, konnte allerdings nicht umgesetzt werden, da die Demonstration von der Polizei nicht genehmigt worden war. So vertraute die Gruppe auf die visuelle Kraft der goldenen Wärmedecken und die gemeinsam gesungenen Parolen.

Auf Außenstehende musste der Zug vor allem irritierend gewirkt haben – warum wird etwas gefordert, was sich im Laufe der Jahreszeiten eh einstellen wird? Von den Initiatoren wurde diese Absurdität bewusst inszeniert, um die Kraft von Demonstrationen (zum Zeitpunkt der Aktion fanden viele Pegida-Demonstrationen statt) gleichzeitig aufzuzeigen und zu dekonstruieren. Statt um eine vage politische Forderung ging es darum, was diese Aktion mit den Beteiligten macht und was für eine Dynamik das gemeinsame Laufen durch die Straßen – ihre temporäre Aneignung – sowie die Schaffung von gemeinsamen Identitätsmerkmalen in Form der Wärmedecken entfalten kann. Letztlich handelte es sich wohl eher um eine „soziale Plastik“ als eine Demonstration im klassischen Sinne. Vorausgegangen ist der Aktion eine intensive Beschäftigung mit dem Verhältnis von Kunst und Politik. Statt künstlerische Ansätze aufgrund ihrer Indirektheit und ihrer poetischen Form pauschal abzuwerten und ihnen Unwirksamkeit vorzuwerfen, ging es darum, das Potential solcher Aktionen herauszufinden. Pate stand ein Fragenkatalog des Künstler Francis Alys. Er stellt fest: „Society allows (and maybe expects) the artist, unlike the journalist, the scientist, the scholar or the activist, to issue a statement without any demonstration: this is what we call ‘poetic license”. Seine Gedanken enden mit der Behauptung: „Sometimes doing something poetic can become political and sometimes doing something political can become poetic.” Die „Heat-art demo“ war genau das: ein oszillierendes Wesen zwischen politischer Aktion und poetischer Behauptung.

 

Fließende Grenzen

 

Wann findet ein öffentlich vorgetragenes Anliegen politisches Gehör und wann kommt man damit in eine Kunstgalerie? Wann wird ein Umzug als Party-Parade wahrgenommen und wann als Ausdruck eines beharrlichen Kampfes gegen Ungerechtigkeit? Wann geht es um die Vermittlung einer Botschaft und wann lediglich um das Gesehen- und Gehörtwerden? Die Beispiele zeigen, dass die Grenzen zwischen einer Demonstration, einer persönlichen Botschaft und einer Kunstaktion fließender sind als angenommen. Ob gewollt oder nicht: ihre Qualität liegt gerade darin, uneindeutig zu sein. Denn der Gebrauch vertrauter Symboliken und Gesten zu künstlerischen Zwecken und umgekehrt, wirft Fragen auf. Zum Beispiel, was es bedeutet, aus dem geschützten privaten Raum in die Öffentlichkeit zu gehen. Welche Handlungsformen man auf der Straße als gewöhnlich empfindet und welche irritieren. Und zu guter Letzt: Was für einen Unterschied es macht, ob man als Einzelkämpfer in Erscheinung tritt oder eine Aktion kollektiv durchzieht.

 

[1] http://m.taz.de/Technoumzug-am-Samstag-in-Berlin/!5215073;m/

[2] http://www.lauramars.de/display/aseltzer/sendermann-serie-middle.htm

 

Fotos:

Zug der Liebe - Anna-Lena Wenzel

Heat - André Schmidt

Aydin Akin - homepage Aydin Akin

Sendermann - Andreas Seltzer, aus der Serie "Der Sendermann", 1972 - 1978, Courtesy Laura Mars Gallery, Berlin

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